Überwindung des traditionell "Schönen"

Der alte Glaube an eine ideale Schönheit, die der Mensch in sich hätte und die in der Kunst darzustellen wäre, war unter dem Schock des Krieges zusammengebrochen. Dieser Verlust musste verarbeitet werden, aber er eröffnete – und das war mir immer bedeutsam – auch eine Suche nach neuem künstlerischem Material und einem möglichen Schönheitsbegriff in einer neuen Sprache, frei und unabhängig von der ganzen bisherigen Kunst- und Musikgeschichte.

Der große Bruch mit der klassischen Tradition und seinen Schönheitsidealen fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Picasso malte 1907 das Bild „Les Demoiselles d´Avignon“ und startete damit die kubistische Revolution in der Malerei, der bildenden Kunst. In der klassischen Musik, der sogenannten „E-Musik“, kam der Bruch mit den Traditionen und Idealen nach den Spätromantikern Richard Wagner (1813-1883) und Gustav Mahler (1860-1911) um 1910 durch Arnold Schönberg (1874-1951) und seine Zwölfton-Theorie, in der das Grundgesetz aller bisherigen Musik, die Dur-Moll-Tonalität, aufgelöst war. 1909 veröffentlichte der Italiener Filippo Tommaso Marinetti sein „Futuristisches Manifest“. In diesem Sinne produzierte der italienische futuristische Künstler Luigi Russolo ab 1913 Musikgeräte, die er „Intonarumori“ nannte und die eine Geräuschmusik erzeugten. Diese futuristische Musik wird „Bruitismus“ genannt. Und Hugo Ball machte 1916 in Zürich im „Café Voltaire“ seine „Dada“-Abende, in denen er u.a. exotisch kostümiert seine Gedichte vortrug, die nur aus Lauten bestanden. Das waren in der Kunst die ersten großen Umbrüche.

In der Folge und später dann, 1943, kam es in der Musikentwicklung durch die Benutzung der neuen Technik des Tonbandes zu einem weiteren Schritt, indem Pierre Schaeffer in Paris konkretes Musikmaterial, sowohl Schnipsel aus klassischer Musik wie auch Geräuschaufnahmen, durch Montage, Bandschnitt, Veränderung der Geschwindigkeit und Tapeloops verfremdete. Er nannte diese neue Art Musik „Musique concrète“.

Und Karlheinz Stockhausen produzierte 1955–56 das Werk „Gesang der Jünglinge“, das Sprache, Gesang und elektronische Klänge gleichberechtigt nebeneinander behandelte. Hier koexistieren konkrete neben elektronischen und elektro-akustischen Klängen (Klänge werden dann elektro-akustisch genannt, wenn akustische konkrete weiter mit elektrischen Mitteln verarbeitet werden).

Dass schon im Jahr 1899 Sigmund Freud das Werk „Die Traumdeutung“ veröffentlicht hatte, war auch ein Zeichen eines Umbruchs und für ein erweiterndes Verstehenwollen des menschlichen Seins. Selbst in den Naturwissenschaften kam es in dieser Zeit zu einer gravierenden Wende, als Albert Einstein 1905 seine „Spezielle Relativitätstheorie“ publizierte und 1915 die „Allgemeine Relativitätstheorie“.

Diese geistigen Prozesse um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. bauten sich auf den zunehmenden Fortschritten der Industrialisierung und den daraus sich ergebenden Konsequenzen auf die menschlichen Lebensformen auf. Die technischen Möglichkeiten erweiterten sich in enormer Geschwindigkeit, aber nicht nur, um das Leben der Menschen einfacher, gesünder, lebenswerter zu machen, sondern in dramatischer Form geschah das auch in der Militärtechnik, wie dann der 1. Weltkrieg es in seiner Grausamkeit und Unmenschlichkeit offenbarte.

Die Erfahrung davon bewirkte natürlich auch Reaktionen der Künstler in ihrer Arbeit. So waren die Konsequenzen von Schönberg, Marinetti, Ball, Schaeffer, Stockhausen und weiteren eine Antwort auf das Versagen der bisherigen kulturellen Haltungen. Der Glaube an eine ideale Schönheit, die der Mensch in sich hätte und die in der Kunst darzustellen wäre, war unter dem Schock des Krieges zusammengebrochen. Dieser Verlust musste verarbeitet werden. Dies provozierte zum Teil radikale aggressive künstlerische Aktionen, aber eröffnete auch eine Suche nach neuem künstlerischem Material und einem möglichen Schönheitsbegriff in einer neuen Sprache, frei und unabhängig von der ganzen bisherigen Kunst- und Musikgeschichte.

In diesem Kontext und in dieser Suche begann ich 1992 neben der Erweiterung der Techniken des Violoncello-Spiels, der Arbeit mit Umwelt- und elektronischen Klängen mit „Long-String“-Experimenten. Ich spannte verzinkten Weidedraht in einem Wäldchen zwischen zwei weiter entfernte Bäume (in der Nähe eines verlassenen alten Bauernhofes, wo ich damals lebte), befestigte ein Kontaktmikrofon am Draht, das verbunden war mit einem Verstärker und Lautsprechern. Ich nannte die so entstehende Musik „one-string-music“. Mit den Fähigkeiten und Erfahrungen eines Streichers waren durch Variation von Bogendruck und Geschwindigkeit des Streichens und des Abgreifens an verschieden Punkten auf der Drahtsaite unglaubliche langschwingende Obertonfelder zu erzeugen, ebenso durch das Bearbeiten der Saite mit Plektron und Schlägeln. Dies erschien mir als eine gute Möglichkeit, neue Hörerfahrungen in allen möglichen öffentlichen Räumen zu gestalten.

 1994 wurde ich von Britta Eichenberg, Leiterin der „Galerie 25“, zum Festival „Wunderpunkte / Kunst im Dorf“ nach Luckau im Wendland, Niedersachsen, eingeladen. Dort machte ich am 14.5.1994 eine solche Drahtinstallation-Klangperformance in einem nahen Wäldchen („Jammerholz-Klangperformance“, op. 86 / 1994) - und jeweils an zwei Abenden eine solche Performance, mit einem gespannten Draht über die Breite des Scheunentores des Galeriegebäudes, mit dem Blick auf den Dorfplatz.

„Der Gesang der Dinge“

op. 102,1-5 / 1997
1997

1997 wurde ich durch den „Landschaftsverband Lüneburger Heide“ zu einem Bildhauersymposium im „Museum Schloss Wolfsburg“ mit anschließenden Ausstellungen in Celle, Lüneburg, Hitzacker, Harburg, . . . eingeladen. Da griff ich auf mein Konzept der „one-string-music“ zurück und entwarf 5 verschiedene Modelle für Klangskulpturen, die alle über eine Drahtsaite auch bespielbar wären.
So entstand die Werkgruppe: „Der Gesang der Dinge“, op. 102,1-5 / 1997.
Die Abbildung zeigt: „5 singende Seelen“, op. 102,4 / 1997 (Doppelpyramiden). Dies ist Nr. 4 der 5 Modelle und wurde für das Wolfsburger Projekt auch in der geplanten Größe hergestellt. Die Größen der 5 Skulpturen in der Gestalt von Pyramiden sind: 60 cm, 83 cm, 98 cm, 112 cm, 128 cm, gearbeitet aus verschweißten Halbzolleisenrohren, in der Mitte jeweils (wie auf Herzhöhe) ein Bogen mit einer gespannten Drahtsaite. Die primär zu bespielende Skulptur ist die größte der Gruppe. Zur Ausstellungseröffnung im Park des Wolfsburger Schlosses am 26.9.1997 spielte ich die Uraufführung meiner „one-string-music“, betitelt: „Von der inneren Schönheit des Drahtes“. Gespielt wird mit Violoncellobogen, Schlägeln, Plektron, etc., der Klang wird mit Kontaktmikrofon auf der Saite abgenommen und über einen Verstärker und Lautsprecher abgespielt. Ein guter beschreibender Text zu diesem Projekt ist der Artikel von Hans-Adalbert Karweik aus dem Katalog zur Klangskulpturen-Ausstellung:

Eine Kurzfassung der Klangperformance mit dieser Skulptur während einer Veranstaltung von KOÏNZI-DANCE e.V., Hamburg, am 19.10.2012 in der „Agentur für zeitgenössische Kunst“, Hamburg-Bahrenfeld, ist hier zu sehen und zu hören:
http://vimeo.com/51811413
(Dauer: 9:00 Minuten)

„5 kommunizierende Bäume“
op. 102,1 / 1997

5 Baummodelle aus Pappe, verbunden mit einem Draht, zum Spielen einer „one-string-music“, Aufstellung im Halbkreis, Höhe 25 cm, ausgestellt im „Museum Schloss Wolfsburg“ als Modell. Ich hatte ja schon verschiedentlich real in Wäldern zwischen Bäumen diese Drahtmusik gespielt, hier aber sind es Modelle für konkret zu erstellende große Klangskulpturen, die man entsprechend bespielen könnte. Symbolisch verstanden stellen sie eine Vernetzung allen Lebens dar.

„5 reisende Seelen“ (5 Schiffchen)
op. 102,2 / 1997

5 Schiffsmodelle aus lackierter Pappe, in jedem ein gespannter Draht vom Bug bis zum Heck, zum Spielen einer „one-string-music“, Aufstellung im Kreis, Länge eines Schiffchens 19 cm, ausgestellt im „Museum Schloss Wolfsburg“ als Modell.

2011 machte ich mit diesen Schiffchen ein Musikvideo mit dem Titel „5 Reisen / 5 voyages“, op. 156 / 2011.
Das Video enthält 5 Sequenzen von Aufnahmen von den Flüssen Elbe und Bille, ein Mond-Foto (digital sequenziert) und die 5 reisenden Schiffchen aus Pappe und Draht. Die Musik ist gearbeitet mit Violoncello (mit Soundprozessor bearbeitet), Synthesizerklängen und Klänge einer „one-string-music“ (Long-String-Installation). Premiere hatte das Video am 15.11.2011 beim „4. Streaming Festival The Hague”, Belgien.
Auf Vimeo ist das Video zu sehen und zu hören:
https://vimeo.com/28759269
(Dauer: 7:08 Minuten)

„Der Gesang der Dinge“ (Wäscheleine)
op. 102,3 / 1997

4 Holzständer, eine Drahtleine mit 12 Blechobjekten daran hängend (8 Wäschestücke, Sonne, Mond und 2 Sterne), Höhe 19 cm, für eine Percussion-Musik, ausgestellt im „Museum Schloss Wolfsburg“ als Modell.

Wittwulf Y Malik

„5 singende Steine“, (Marmorblöcke aus Peccia, Tessin, Schweiz)
op. 102,5 / 1997

5 Marmorsteine (4 davon eckig, der mittlere rund), in der Mitte alle durchbohrt, dadurch ergibt sich eine Draht-Kabelverbindung aller Steine zum Spielen einer „one-string-music“. Höhe 9,5 cm, Gesamtbreite 35 cm, ausgestellt im „Museum Schloss Wolfsburg“ als Modell. Diese Skulptur verstehe ich als Symbol für die gegenseitige Vernetztheit, quasi ein „Internet“ aller Elemente, aller Wesen und Dinge. Nichts geht ohne das andere, alles ist verbunden.

© Wittwulf Y Malik 2006-2020 | Alle Rechte vorbehalten

Webauftritt und technische Umsetzung: NetzSinn.de

– für eine sinnvolle und konstruktive Nutzung des Internets